
Anmerkungen zum Allgemeinverständnis der Arbeiten
Ich bin - auch aufgrund meines Alters - nicht der Vielbelesene. Kann
ich gar nicht sein. Aber ich denke sagen zu können, das ich ein
Vielsehender bin. Einer, der ständig mit den Augen wandern geht,
kleinste Mikrowelten und große Weltdramen am Straßenrand,
in der Gosse, sieht und in sein Hirn graviert. Es geht hier um Form,
Farbe und Komposition, die ins grenzenlos ausufernde Farbskala einer
absterbenden Begonie, das Farbspiel des schleichenden Todes. Ist das
Interessante die leuchtend orangefarbene Blüte oder das abfaulende,
im Abfallen begriffene Blatt, das die gesamte Farbpalette zwischen
dem Orange der vollen Pracht und dem Dunkelbraun mit in den Tod reißt?
Natürlich, unermesslich reich und verschwenderisch bis ins kleinste
Detail. Aber auch um die Körperlichkeit der Dahinsiechenden mit
den Schattierungen, den erdenen, schweren Tönen, die - gleich
dem Bass in der Musik - die Basis, das Fundament bilden vor denen
sich, zart oder aufbäumend knallig, eine feine Melodie, ein Potpourri
der Farbnuancen sich entfaltet. Diese unwirklichen Naturschauspiele
gilt es als sensibilisierter Künstler zu sehen und - je nach
Spielart - umzusetzen, in eine günstige Form und Komposition
zu betten.
Gleichzeitig geht es um die Ästhetik , die Lehre der Sinnerkenntnis.
Ich muss mich mit der Pflanze (wie mit jedem anderen Gegenstand) auseinandersetzen,
sie sezieren, mir wichtige Merkmale herausarbeiten und - auch gegen
die Realität - die nötige Aufmerksamkeit zuweisen.
Dazu ist es notwendig, mich hinein zu vertiefen und zu begreifen was
die Pflanze für mich ist und was sie ausdrücken soll. Sie
hat die Rechtfertigung zu erbringen, gezeichnet zu werden. Ist es
das Miteinander von Leben und Tod, die absolute Schönheit des
Sterbens, die Stärke des Organismus in dessen Angesicht oder
gleichzeitig der Rückzug, das Sammeln der Lebenskräfte,
um bald darauf mit neuer Kraft größer und vielfältiger
als davor wieder aufzuerstehen?
Um innere Stärke geht es auch bei den "Bienenlandschaften".Für
mich sind sie eine Art Tagebuch meiner Seele. Ruht der Baum in sich
selbst, strahlt Macht und Würde aus und kommuniziert gut mit
seiner Umgebung so war auch ich zu jener Zeit ruhig und entspannt,
habe mich vielleicht in Details verloren und wieder gefunden oder
habe den Himmel mit sanftem Blau und warmem Licht gestreichelt.
Oder ist der Baum Angst erregend, greift er unangenehm unruhig, ja
schon unbeherrscht, aus dem Bild heraus, um sich Raum zu verschaffen
und sein Gegenüber - bildlich gesprochen - zu ängstigen,
gar anzugreifen? Unwirtliche Landschaft, sturmzerfetzte Wolkenteile
jagen über die obere Bildfläche und biegen Äste, fegen
den knorrigen Stamm frei , zeigen Wurzelwerk oder Andeutungen von
Skeletten anstelle des natürlichen Astwerks. Diese brechen wie
morsche Knochen und Splitter, treiben weiter, aus dem Bild hinaus.
Vielleicht will und soll der Baum gar nicht gefallen, sondern - sein
Revier absteckend - Macht und Stärke präsentieren, um von
seiner inneren Schwäche, seiner Morbidität , abzulenken.